Längeres und gesünderes Leben durch Kloster?!

Dass Frauen länger leben als Männer, ist schon längst kein Geheimnis mehr und hat verschiedene Ursachen. Durchschnittlich 5 Jahre mehr dürfen Frauen auf dieser Welt verbringen als Männer.
Ein Zitat aus den 60er/70er Jahren fasst das folgendermaßen zusammen:
„Women are sicker, but men die quicker“.
Die große Frage ist bloß: Sind die Männer selbst Schuld aufgrund ihres ungesunden Lebensstils oder sind sie genetisch dazu bestimmt, früher zu sterben?
Schaut man sich hingegen Nonnen und Mönchen an, erlebt man eine Überraschung, die der Forscher Dr. Marc Luy in seinen „Klosterstudien“ herausfand, die er seit 1998 durchführt und ständig erweitert. Er ging von folgender Annahme aus: Wenn biologisch-genetische Faktoren den Unterschied in der Lebenserwartung bedingen, dann gäbe es sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch im Kloster Unterschiede in der Lebenserwartung von Frauen und Männern. Sind aber Lebensstil, Verhalten und Umwelt Schuld, also Faktoren, die der Mensch beeinflussen kann, dann sollte sich die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen nicht groß voneinander unterscheiden, da sie einen sehr ähnlichen Lebenswandel haben. Luy untersuchte circa 12.000 Datensätze von Ordensgemeinschaften v.a. in Bayern und machte die erstaunliche Entdeckung, dass Nonnen und Mönche in etwa gleich alt werden. Die Ordensfrauen und –männer ähneln sich stark in vielen nicht-biologischen Faktoren, wie Lebensstil, Ernährung, Tagesablauf, Beruf und Wohnverhältnisse. Demzufolge sind die Sterblichkeitsunterschiede in der Allgemeinbevölkerung eher auf solche Faktoren als auf die Biologie zurückzuführen. Zusätzlich fand Luy heraus, dass Mönche rund fünf Jahre länger leben als Männer in der Allgemeinbevölkerung, zwischen Nonnen und Frauen gibt es allerdings seit Ende des Zweiten Weltkrieges kaum Unterschiede in der Lebenserwartung. Kurz gesagt: Männer in der „normalen“ Welt scheinen ungesünder als Mönche zu leben und sterben deshalb früher – da hilft auch kein Franziskaner Weißbier.
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Der Unterschied zwischen Männern und Mönchen liegt laut Luy vor allem am klösterlich stark geregelten Tagesablauf, der mit geringerer Stressbelastung einhergeht, sowie am enthaltsameren Leben der männlichen Ordensbevölkerung. Durch ständiges Rezitieren, Beten und Bibel lesen bleiben die Klosterbewohner geistig fit. Zusätzlich sehen sich die langlebigen Mönche in ihrem Leben mit weniger Brüchen konfrontiert – Midlife-Crisis, Verrentung und Co. entfallen im Kloster schlichtweg. Das Paradox: Eigentlich wollen Mönche gar nicht länger leben. Luy berichtet von einem Mönch, der ihm sagte, dass sie eigentlich danach streben, Gott ganz nah zu sein – und am nächsten ist man Gott ja schließlich erst nach dem eigenen Ableben.
Doch genug von den Männern – was ist eigentlich mit den Frauen? Wie bereits erwähnt, gibt es kaum Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Nonnen. Doch findet man eventuell Differenzen in anderen Gesundheitsbereichen? Neben den Klosterstudien gibt es auch eine „Nonnenstudie“ von David Snowdon, die seit 1986 in Kentucky durchgeführt wird. Untersucht wurden circa 600 amerikanische Ordensschwestern zwischen 76 und 107 Jahren. Wie Mönche auch, zeichnen sich Nonnen durch eine sehr kontinuierliche Lebensführung über lange Zeit aus, etwa in puncto Tagesablauf oder Ernährung. Betrachtet wurden Laborbefunde, psychologische Fragebögen, histologische Gehirnschnitte und Lebensläufe der Teilnehmerinnen. Ein erstaunliches Ergebnis sei an dieser Stelle herausgestellt: die intellektuelle Leistungsfähigkeit der untersuchten Nonnen war unabhängig von ihren pathologischen Gehirnbefunden, die zahlreiche Alzheimer-Symptome aufwiesen. Das heißt: Auch Ordensschwestern, deren Gehirne von Alzheimer zerfressen waren, blieben bis ins hohe Alter noch geistig auf der Höhe. Zusätzlich fanden Snowdon und seine Kollegen einen Zusammenhang zwischen positiven Emotionen im frühen Leben und einer höheren Lebenserwartung. Glückliche Klosterfrauen leben länger – Klosterfrau Melissengeist sei Dank?!
Lautet die Patentlösung für alle aufgrund dieser Erkenntnisse jetzt, einfach ein paar Wochen lang ein gesundes Klosterleben zu führen? Oder müssen wir uns selbstständig im Alltag einen geregelteren Tagesablauf und einen gesünderen Lebensstil aneignen? Leider ist die Wirkung eines solchen Klosterurlaubs bis heute unklar – wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein.

P.S.: Diesen Artikel habe ich für klinkholz.de geschrieben, er wurde auch dort bereits veröffentlicht.

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