Wie sehe ich mich, wie siehst du mich? Von Selbsteinschätzung und Realität

Heute habe ich das Ergebnis für die erste Prüfung in meinem Fernstudium bekommen. Ich bin mehr oder weniger in die Prüfung reingestolpert, da ich dachte, es wird eine längerfristige Hausaufgabe, zu der ich mich anmelden kann und dann ein wenig Zeit für die Bearbeitung habe.

Aber siehe da, es war eine Online-Prüfung und mit dem Klick auf „Bearbeiten“ ging es auch schon los. Nach diesem Prüfungsüberfall war mein Gefühl nicht wirklich überragend. Bei einigen Fragen hatte ich eher das Gefühl, völlig planlos zu sein.
Entsprechend gespannt war ich auf das Ergebnis – und das war im Gegensatz zu meinen Erwartungen tatsächlich überragend. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht! Ich bin auch früher  oft aus Prüfungen rausgegangen mit einem furchtbaren Gefühl – und hatte sehr gute Noten (in Statistik war das Verhältnis von Gefühl und Note bei mir eher umgekehrt).

Was mir mal wieder zeigt, wie sehr Selbst- und Fremdeinschätzung oder auch die Realität doch auseinander liegen können. Manche Frauen sehen beim Blick in den Spiegel übergewichtige Tonnen, während sie in Wirklichkeit nur noch dünne Striche in der Landschaft sind. Andere sind selbstunsicher und wundern sich, warum sie keiner anspricht und wissen dabei nicht, dass sie bei Außenstehenden als arrogant und unnahbar gelten. Manche Männer halten sich für cool, wenn sie grölend mit Hiphop und protzigen Autos durch die Innenstadt fahren – dass die meisten Frauen sie nicht an- sondern auslachen, bemerken sie dabei nicht. Auf meiner Arbeit erlebe ich es immer wieder, dass ein- und derselbe Fragebogen von meinem Klienten und einem seiner Angehörigen völlig unterschiedlich ausgefüllt wird.

20160613_195600

Oft sollte man sich auf sein eigenes Bauchgefühl verlassen – aber manchmal ist es auch gut, sich von Menschen, die einem nahe stehen und es gut mit einem meinen, eine zweite Meinung einzuholen: Wir wirke ich auf dich, in dem was ich sage oder wie ich mich verhalte? Kommt das wirklich so bei dir an, wie ich es meine? Siehst du mich so, wie ich mich sehe? Dabei ist es wichtig, sich wirklich liebe Menschen zu suchen, zu denen man eine gute Beziehung hat, die auch mal ehrliche Kritik verträgt und nicht nur funktioniert, wenn man sich gegenseitig nach dem Mund redet. Denn sonst ist man der Meinung, Selbst- und Fremdwahrnehmung stimmen wunderbar überein, dabei klafft zwischen ihnen ein kilometerbreiter Abgrund. Ich wünsche euch viel Spaß beim Finden der Balance zwischen dem Verlassen auf das eigene Empfinden und dem Einholen einer zweiten Meinung. Es kann wirklich spannend sein, die Sicht auf sich selbst mal einer Prüfung zu unterziehen – traut euch 🙂

Einer, bei dem ich meine Selbstwahrnehmung immer wunderbar überprüfen lassen kann, ist Gott. Er kennt mich so gut wie kein anderer und das Beste ist: Er kennt auch meine Selbstwahrnehmung, ohne dass ich sie ihm erklären muss. Und er versteht es auf sehr einfühlsame Art und Weise, diese entweder zu bestätigen oder mich Schritt für Schritt in meiner Selbstsicht zu korrigieren, ohne dabei meine ganze Identität zu zerstören. Er sieht mich durch grenzenlos liebende Augen an, als sein Geschöpf – das ist die beste Fremdeinschätzung, die es gibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.